Tag 177-183 auf meiner Pilgerreise – KW44 (29.10.-04.11.18) – Teil2

Hallo ihr Lieben, hier kommt Teil2 meines Blogs der KW44, in der „Vollversion“.

Tag 180, Do: Sapes – Alexandroupolis, 40 km

Ich habe gestern Abend noch eine Ibuprofen genommen und ausgezeichnet geschlafen, so gut, wie schon lange nicht mehr! Um 06:00 Uhr klingelt mein Wecker. Ich stehe auf und habe erfreulicherweise keine Schmerzen in meinem linken Schienbeinmuskel. Dann frühstücke ich, packe meine Sachen und bin 07:15 Uhr abmarschbereit. Ich starte in einen schönen, noch morgentlich frischen Sonnentag, mit etwa 14 Grad. Mein Weg führt mich heute nach Süden und dann im Bogen durch die Berge nach Osten, ans Meer, nach Alexandroupolis. Nach ungefähr 10 km, kurz nachdem ich bei Mesti an einer Eisenbahnstrecke, hier mitten in der Pampa vorbei gekommen bin, von der ich nicht erkennen konnte, ob sie noch in Betrieb ist. Da stand ein Güterwagen neueren Datums, ansonsten war alles ziemlich verfallen, geht mein Weg ziemlich steil bergan. Die Fernverkehrsstraße verläuft parallel zur Autobahn und ist für mich sehr erfreulich, kaum befahren. Die Via Egnatia verläuft nur unweit oberhalb der Straße. Ich folge den Schildern und gehe hin. Es ist aber nicht viel zu sehen und trotzdem ist es schon ein bewegendes Gefühl, hier an so einer geschichtsträchtigen Straße zu stehen. Ich laufe weiter bergauf und bergab, bestaune, wie die Straße aus dem Felsen gehauen wurde und spüre den Wind, der in dem Canyon pfeift. Die Kräuter am Wegesrand verbreiten einen würzigen Duft. Ich denke darüber nach, dass man das mit dem Fahrrad, geschweige mit dem Auto niemals so intensiv wahrnehmen könnte, wie ich zu Fuß. Ich genieße die Ruhe und die abwechselnden Landschaften und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Seit einiger Zeit schon mache ich mir Gedanken, wie wohl die Oliven geerntet werden. Heute nun endlich kann ich es in Natura verfolgen. Unter den Bäumen werden große Planen ausgelegt, die die Früchte auffangen und dann wird mit langen Stangen, an deren oberem Ende eine Gabel angebracht ist, ähnlich einer elektrischen Heckenschere, die schnell schwingt und wenn sie in die Äste gehalten wird, die Oliven herunter rüttelt. Ich merke, dass ich in Grenznähe bin, denn hier fahren öfter Armeefahrzeuge entlang, als ich es bisher die ganze Zeit erlebt habe. Nach 24 km mache ich um 12:15 Uhr am Straßenrand Mittagspause. Es gibt nirgends weit und breit ein Café oder ich müsste erst 1-2 km von meiner Strecke abweichen, was ich aber nicht will. Aber ich habe mir ja gestern in Sapes einiges zu Essen gekauft und so mache ich ein rustikales Mittagessen, mit einer Scheibe Brot in der einen Hand und einem Stück Käse in der anderen. Das Nescafé-Pulver, das ich gestern gekauft habe, löst sich auch in kaltem Wasser, sodass ich sogar noch einen Kaffee zum Mittag habe. Ich buche noch schnell ein Hotelzimmer und dann geht es um 12:55 Uhr weiter, die noch verbleibenden 17 km bis zu meinem heutigen Ziel zu absolvieren. Mittlerweile ist es gut warm geworden und ich schwitze, fast wie in der Sommerzeit. Um 14:00 Uhr kann ich das erstemal das Meer sehen und habe die Berge hinter mir. Die Einfallstraße nach Alexandroupolis ist breit und von Olivenhainen gesäumt, anders als bei vielen anderen Großstädten, wo der Eingangsbereich eher abstoßend ist. Ich laufe durch saubere Vororte mit hellen, meist neugebauten Häusern und erreiche gegen 16:00 Uhr, nach 40 km schließlich das Hotel Erika. Am Eingang steht in großen Lettern: „Wir sprechen Deutsch“. Mir kann’s nur recht sein. Ich bekomme ein schönes Zimmer und bin es zufrieden. Später frage ich an der Rezeption, ob sie meine Wäsche waschen würden, denn die hat es nötig, aber durch meine späte Ankunft in den Hotels wird sie per Handwäsche nicht trocken bis zum nächsten Tag. Leider bietet das Hotel keinen Wäscheservice, aber die Rezeptionistin verweist mich an ein „Wash & Go“ Service, in fußläufigen 10 Minuten und so bekomme ich meine ‚Laufgarnitur‘ in knapp einer Stunde gewaschen und getrocknet. Leider ist es darüber dunkel geworden und mit besichtigen oder fotografieren ist nicht mehr viel möglich. Aber ich erlebe das abendliche Alexandroupolis als eine charmante, elegante und mondäne Stadt. Mein Hotel liegt in der Nähe des Hafens und es gibt hier jede Menge Tavernen. Ich entscheide mich für eine und bekomme ein leckeres griechisches Abendbrot, für alles zusammen 15 EUR. Da kann man nicht meckern. Auf dem Rückweg in mein Zimmer unterhalte ich mich noch länger mit der Rezeptionistin, die zwar Griechin ist, aber viele Jahre in Stuttgart gelebt hat, was nicht zu überhören ist. Sie bestätigt mir, was ich schon mehrfach gehört habe. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20%, die der Jugendlichen sogar bei 50%. Sie hat einen Bruttoverdienst von etwa 700 EUR, ein Ingenieur verdient etwa 900 EUR. [Anm.: Die Zahlen habe ich nicht validiert!] Die Preise in den Geschäften sind mit unseren Preisen in Deutschland durchaus vergleichbar. Viele Griechen haben einen Zweit- oder Drittjob, um einigermaßen erträglich zu leben. Trotz der wirtschaftlich problematischen Situation erlebe ich die Griechen, mit denen ich bisher in Kontakt gekommen bin als freundliche, positive Menschen. Einer sagte mir mal, dass sie ihre Kraft und Zuversicht aus ihrem Glauben schöpfen. Das mag sicher nicht für alle gelten, aber bestimmt für viele. Gepflegt und gut angezogen laufen die Griechen allemal herum. Auch habe ich kaum Bettler auf den Straßen gesehen. Dann verabschiede ich mich von der Rezeptionistin und gehe in mein Zimmer.

Tag 181, Fr: Ruhetag in Alexandroupolis, Blog schreiben

Ich habe mich entschlossen, noch eine Nacht hier in Alexandroupolis zu bleiben und heute meine restliche Wäsche im „Wash & Go“ zu waschen und auch die Absätze meiner Schuhe hier in Ordnung bringen zu lassen. Ich stehe um 06:30 Uhr auf und bin um 07:00 Uhr der erste Gast im Frühstücksraum. Es gibt Buffet, das mit Omelette, Tomaten und Gurken, sowie Wurst und Käse sehr umfänglich bestückt ist. Dann mache ich mich auf den Weg zum „Wash & Go“ Salon und nehme auch das Brustgeschirr für meinen Monowalkers mit. Es hat es dringend nötig. Allerdings mache ich mir ein bisschen Sorgen, dass es mit seinen Metallschlaufen die Waschmaschine beschädigen könnte. Es geht aber alles gut und so bin ich mit frisch gewaschenen Sachen eine knappe Stunde später wieder im Hotel. Da ich vorhin vergessen habe, meine Schuhe mitzunehmen, muss ich nochmal los, aber das ist auch kein Problem, der Schuhservice ist ganz in der Nähe. Er schlägt mir vor, komplett neue Absätze drauf zu machen. Ich stimme dem zu und hoffe nur, dass sie zum einen auch halten und zum anderen sich die Laufeigenschaften nicht verschlechtern. Nach 2.237 km, die ich in diesen Schuhen mittlerweile gelaufen bin, ist das jetzt dringend nötig. Jeder Orthopäde würde wohl eher sagen ‚Hau die Schuhe in die Tonne und kauf dir ein paar Neue.‘ Dann bummle ich ein bisschen durch die Stadt. Es scheint zwar die Sonne, aber es weht ein kühler Wind und ich bin froh, dass ich mein langärmliges Shirt anhabe, das ich mir in Thessaloniki gekauft habe und darüber meinen Windbreaker. Dann gehe ich ins Ethnologische Museum und erfahre, was hier in Trackien seit Beginn des letzten Jahrhunderts alles passiert ist, die Aufteilung des Landes an die Bulgaren, Griechen und Türken und die damit verbundene Zwangsumsiedlung. Danach gehe ich in Richtung Leuchtturm, die Flaniermeile entlang und lasse mich von der Sonne bescheinen. Von Lucien erhalte ich eine SMS, dass er jetzt mit seinem Bruder unterwegs ist, aktuell kurz vor Feres und dass sie wohl morgen die Grenze passieren wollen. Vielleicht treffen wir uns ja nochmal in den nächsten Tagen. Eigentlich war mein Plan morgen bis Feres zu laufen und da das Wochenende zu verbringen, weil ich dachte, dass am Wochenende nicht so viele Fahrzeuge die Grenze passieren. Da hat mir aber Anestis empfohlen, doch am Wochenende über die Grenze zu gehen, es gäbe genügend Grenztouristen oder am entspanntesten wäre es, ein Taxi zu nehmen. Mal sehen, wie sich das Ganze anlässt.

Tag 182, Sa: Alexandroupolis – Feres, 29 km

Mein Wecker klingelt um 06:30 Uhr, ich mache mich fertig und gehe kurz nach 07:00 Uhr zum Frühstück. Es ist sehr angenehm, frische Sachen an zu haben, die in mit der Maschine gewaschen wurden. Um kurz nach 08:00 Uhr bin ich fertig zur Abfahrt nach Feres. Ich starte in einen etwa 16 Grad kühlen, aber vor allem sehr windigen Morgen. Ich habe über mein T-Shirt den Windbreaker angezogen. Genau die richtige Entscheidung. Zuerst fahre ich jedoch an die nächste Tankstelle und pumpe den Reifen meines Monowalkers wieder auf. Er hat in den letzten zwei Tagen ganz erheblich Luft gelassen. Dann laufe ich in Richtung Flughafen, Kipou, Türkei, immer in Richtung Osten und je mehr ich mich aus der Stadt entferne, umso heftiger und böiger weht der Wind aus Nordwesten. Teilweise so heftig, dass ich alle Mühe habe, den Monowalker in der Spur zu halten. Wenn mich dann auch noch ein LKW überholt, wird es manchmal schon kritisch, standhaft zu bleiben. Meine Basecap muss ich mehrmals im letzten Moment vor dem Abflug retten. Ich laufe auch heute wieder auf der Fernverkehrsstraße 2 und an einigen Stellen ist neben der Straße auch die Via Egnatia ausgeschildert, zu der die Straße parallel verläuft. Ich könnte über den „Scheiß“-Wind fluchen oder froh sein, dass es nicht auch noch regnet. Ich entscheide mich für das Letztere, ist positiv und das Fluchen ändert auch nichts an der Situation. Ich komme heute gar nicht auf die Idee Pause zu machen, abgesehen davon, dass sich auch keine Möglichkeit zur Einkehr bietet, ich will nur ankommen. Erfreulicherweise laufen sich die Schuhe mit den neuen Absätzen gut und mein linkes Schienbein macht auch keine Probleme. Um 12:45 Uhr, erreiche ich nach 26 km die Stadtgrenze von Feres. Ich bin überrascht, dass ich schon da bin. Zu sagen ich bin enttäuscht schon da zu sein, würde wohl doch zu weit gehen, aber ich bin so im Fluss, dass ich noch ohne Probleme hätte 5-10 km weiter laufen können. Aber das macht aus Quartiergründen schon keinen Sinn. Ich lasse mich von meinem Navi auf verschlungenen Wegen durch die Kleinstadt leiten. Ich werde neugierig beäugt und von einem älteren Paar aus einer Schneider- und Schusterwerkstatt heraus angesprochen, wo ich herkäme und als ich sage, dass ich aus Deutschland komme, sind sie recht erfreut und geben mir zu verstehen, dass sie wohl 15 Jahre in Heidelberg gelebt hätten. Die Frau spricht aber kaum Deutsch und will wissen, ob ich nach Istanbul wolle. Als ich das verneine und ihnen sage, dass ich nach Jerusalem will, verstehen sie mich erst nicht und dann machen sie eine abfällige Bemerkung und beenden das Gespräch. Es ist eine Erfahrung, die mich in Sachen Völkerverständigung traurig macht, die ich aber ab jetzt sicher noch öfter machen werde. Um 12:20 Uhr bin ich nach 29 km an meinem heutigen Ziel, dem Hotel Anthi in Feres. Ich unterhalte mich mit dem Hotelbesitzer, wie weit es noch bis zur Grenze ist und erfahre, dass es noch 17 km sind. Er bestätigt mir, was ich ohnehin schon wusste, dass die Grenze nicht zu Fuß passierbar ist. Wir unterhalten uns über die Möglichkeit der Nutzung eines Taxis und er ruft freundlicherweise gleich ein Taxiunternehmen hier in Feres an, das hat aber keine Lizenz, mich über die Grenze zu bringen. Ein anderes Taxiunternehmen konnte er gerade nicht erreichen. Es geht erstmal darum, zu erfahren, was kostet das mit dem Taxi. Dann gibt es noch eine zweite Alternative. Kurz vor der Grenze, im Dorf Peplos, gibt es auch noch ein Taxiunternehmen. Und die dritte Alternative ist, zur Grenze zu laufen und zu schauen, dass mich jemand mitnimmt. Lucien hat mir vorhin gerade eine SMS geschickt, dass es für ihn überhaupt kein Problem gewesen sei, über die Grenze mitgenommen zu werden. Er nimmt heute Quartier in Ipsala. Nun wird es bei mir mit Sicherheit etwas beschwerlicher, denn mein Monowalker muss ja auch mit und der braucht Platz. Ein normaler PKW scheidet da fast schon aus. Aber ich bin optimistisch, dass ich morgen auch über die Grenze komme. Es ist nur wichtig, beizeiten da zu sein, um noch genug Zeitpuffer zu haben. Ich rechne mal damit, dass ich morgen so gegen 11:00 Uhr an der Grenze sein werde. Dann mache ich mich auf, im nachmittäglichen Sonnenschein den Ort etwas näher kennen zu lernen. Ich gehe in einen Dönerladen, esse einen Döner und setze dann meine Erkundung fort. Außer einem Kloster aus dem 12. Jhd., mit Resten von Gemälden aus dieser Zeit und einem Supermarkt, in dem ich mir etwas für’s Abendbrot hole, kann ich nichts spektakuläres entdecken, habe ich aber auch nicht anders erwartet. Da ich nicht weiß, wann und wo ich morgen Quartier finden werde und ob es da WLAN gibt, entschließe ich mich, den Blog der KW44 bereits heute vorab zu veröffentlichen und für morgen dann ein Update nach zu schicken.

Tag 183, So: Feres (Griechenland) – Keşan (Türkei), 17 km Taxi bis zur Türkischen Grenze, 30 km zu Fuß bis Keşan

Mein Wecker klingelt um 06:30 Uhr. Pünktlich um 07:00 Uhr bin ich zum Frühstück und 10 Minuten nach 08:00 Uhr stehe ich abmarschbereit vor dem Hotel, als ein Taxi ankommt. Ich halte es an und frage, ob es mich zur Grenze bringen kann und was es kosten würde. Der Taxifahrer fragt mich, ob ich der Gast aus dem Hotel sei. Ich bejahe es. Er scheint der Taxifahrer zu sein, den der Hotelbesitzer gestern angerufen hat und der abgelehnt hat. Heute sagt er ja und es würde 20 EUR kosten. Das ist ein erschwinglicher und fairer Preis. Die Alternative wäre evtl. ewig zu stehen, bis mich jemand über die Brücke vom Griechischen Checkpoint zum Türkischen Checkpoint mitnimmt, denn genau diese Brücke ist militärisches Sperrgebiet und darf nur befahren, aber nicht ‚belaufen‘ werden. Der Taxifahrer hat noch etwas zu erledigen und fordert mich auf, 10 Minuten zu warten, dann käme er wieder. Ich warte im Sonnenschein, windgeschützt, gegenüber des Hotels und pünktlich kommt er zurück, packt meinen Monowalker in den Kofferraum und ab geht die Fahrt in Richtung Grenze. Während der Fahrt erzählt mir der Taxifahrer in einem recht guten Deutsch, dass er 25 Jahre in den Niederlanden, an der Deutschen Grenze, bei Aachen, ein Griechisches Restaurant hatte, aber vor ein paar Jahren wieder zurück nach Griechenland gegangen sei. Er jetzt aber mit seiner Familie, wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage wieder in die Niederlande gehen wolle und dort bleiben will. Dann sind wir auch schon am Griechischen Checkpoint. Ich steige aus und zeige meinen Ausweis. Keine weiteren Fragen, wir können passieren, außerdem ist der Grenzposten ein Schulkamerad meines Taxifahrers. Dann fahren wir über die besagte Brücke und kurz vor dem Türkischen Checkpoint lässt er mich raus. Wir machen noch ein Selfi, dann ist er weg und ich am Türkischen Checkpoint. Hier ist alles deutlich strenger, als ich es bisher an den innereuropäischen Grenzen erlebt habe. Ich sehe „Reifentöter“ in die Straße eingelassen und ein kleines bisschen Unbehagen überkommt mich. Dann bin ich auch schon dran. Der Kontrollposten mustert den Mann mit diesem ungewöhnlichen Gefährt. Dann fragt er mich, ob ich Zigaretten oder Alkohol dabei hätte. Beides kann ich besten Gewissens verneinen. Ein kurzer Blick in meinen Rucksack und ich bin durch die erste Kontrolle hindurch. Insgesamt muss ich meinen Pass dreimal zeigen und bin schließlich um 09:00 Uhr in der Türkei angekommen. Ich freue mich aus mehreren Gründen: Zum einen bin ich meinem Pilgerziel wieder ein bedeutendes Stück näher gekommen. Zum anderen war die Türkei sooooo weit weg und jetzt bin ich plötzlich da. Ich habe mich in den letzten Tagen mehrmals gefragt, ob ich träume und als drittes, kann ich jetzt meine in vier Jahren mühsam erworbenen und mittlerweile schon wieder fast vergessenen Türkischkenntnisse anwenden. Und das auf den nächsten knapp 2.000 km! Aufgrund dessen, dass es noch sehr früh ist, entscheide ich mich, nicht wie eigentlich geplant, nur bis İpsala zu laufen, dort zu übernachten und dann morgen weiter nach Keşan zu laufen, sondern direkt bis Keşan zu laufen und so einen Tag zu gewinnen. Die Sonne scheint und es ist ideales Wetter zum Laufen, wenn da nur nicht wieder dieser Schei… Wind wäre, der mich mal von vorne zurückschiebt, mal seitlich anbläst, dass der Monowalker fast umkippt oder mich im positiven Fall von hinten schiebt. Kommen dann noch die LKW mit hohem Tempo an mir vorbei gefahren, habe ich alle Mühe, nicht hinterher zu fliegen. Das ist wirklich heftig, dem Sog Stand zu halten. Ich laufe auf der Straße weiter, die mir schon seit Kavala vertraut ist. Sie ist hier neu, vierspurig ausgebaut und hat einen breiten Seitenstreifen, auf dem ich ungestört dahinrollen kann. Keine zwei Kilometer, da hält neben mir ein roter PKW und der Fahrer fragt mich auf Türkisch, woher ich komme und wohin ich wolle. Ich sage ihm, dass ich nach Kapadokien will. Er ist begeistert. Dann fragt er mich noch, wie alt ich sei. Da mir 59 in Türkisch gerade nicht einfällt, runde ich etwas auf und zeige ihm mit den Händen die 60. Er hebt anerkennend den Daumen. Ich muss grinsen. Dann fährt er weiter und ich auch. Bis mich nach etwa 15 km ein LKW überholt, auf den Seitenstreifen fährt und dann bis kurz vor mich zurückstößt. Ich denke mir, na mal sehen, was der will. Er signalisiert mir, ob er mich mitnehmen solle. Ich finde das Angebot sehr nett, bedanke mich herzlich, aber lehne ab. Dann bin ich wieder alleine mit und gegen den Wind auf meinem Weg. Mein Navi will immer von der Fernverkehrsstraße weg, auf irgendwelchen Wegen, aber ich bleibe konsequent auf der Straße, weil ich da am besten vorwärts komme. Etwa 8 km vor meinem Ziel folge ich dann doch dem Vorschlag meines Navis und laufe über Feldwege, vorbei an einer Schlange, die von mir beim Sonnen gestört, sich ins Gras davon schlängelt und an einer ganzen Rotte von wildbellenden, aber glücklicherweise feigen Hunden, bis ich schließlich an den Ortseingang von Keşan komme. Mag die Strecke vielleicht zwei Kilometer kürzer gewesen sein, einen Zeitgewinn hat sie mir nicht wirklich gebracht. Ich komme an den Ortseingang und sehe ein Schild, auf dem in Türkisch steht, dass es da zum Stadtzentrum geht. Diese Vokabel kenne ich und ich folge dem Schild und habe um 15:00 Uhr ein Hotel im Stadtzentrum von Keşan erreicht. Das Hotel ist zwar nicht vergleichbar mit unseren Standards, aber es ist sauber und hat WiFi. Die jungen Rezeptionisten sind sehr nett. Ich bekomme gleich Wasser und später noch Tee angeboten. Den Monowalker kann ich mit ins Zimmer nehmen und Frühstück gibt es morgen auch. Leider kann hier überall geraucht werden und so ist mein Zimmer ein Raucherzimmer. Nicht sehr schön, aber nicht zu ändern. Nach dem Duschen mache ich mich auf den Weg, den Ort zu erkunden und suche auch eine Gaststätte, um Abendbrot zu essen. Das Verhältnis Euro zu Türkischer Lira ist ungefähr 1:6, sodass ich für 15 EUR ein leckeres Abendbrot, mit Getränken bekomme. Da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Der Reiz von Keşan hält sich, zumindest was ich gesehen habe, in überschaubaren Grenzen, aber die Menschen sind sehr nett und hilfsbereit und ich habe auch keine Scheu, meine geringen Türkischkenntnisse anzuwenden. Es kann nur besser werden. Hier beträgt die Zeitverschiebung zu Deutschland wieder zwei Stunden. Ich habe vorhin versucht, Lucien, der wohl heute auch in Keşan ist, eine SMS zu schicken, das ist aber leider fehlgeschlagen. Morgen will ich in Richtung Dardanellen laufen, in Richtung Gelibolu. Leider sind auf der Strecke nur kleine Dörfer, wo es keine Hotels gibt. Ich bin sehr gespannt, wo ich morgen schlafen werde. Aber bisher hat es ja immer eine Lösung gegeben. Warum nicht auch morgen? Jetzt ist es 21:30 Uhr, so langsam wird es Zeit, mich bettfertig zu machen, die Handys nochmal aufzuladen und dann für morgen wieder fit zu sein.

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