Tag 275-281 auf meiner Pilgerreise – KW06 (04.-10.02.19)

Hallo ihr Lieben, wie versprochen, hier die noch ausstehenden Erlebnisse der KW06.

Highlights dieser Woche

  • Ich pilgere auf dem Jesus-Trail.
  • Von Tiberias aus mache ich eine Taxi-Rundfahrt um den See Genezareth.
  • Zwei Nächte im Zelt und eine Nacht im Wartebereich des Flughafens Ben Gurion sind ziemlich nervend und kräftezehrend.
  • Ich schreibe diesen und die folgenden Blogbeiträge endlich wieder auf dem Computer!

Diese Woche in ‚harten‘ Fakten

Bisher bin ich in den 40 Wochen insgesamt 5.507 km gelaufen, davon in dieser Woche 207 km. +(2.169 km Transfer: 422 km Fähre, [223 km Bari-Durres, 59 km Athos und zurück, 7 km Dardanellen, 133 km Türkei-Zypern]; 796 km Bus, [32 km Kavala-Philippi und zurück, 61 km Çanakkale-Troja und zurück, 133 km Çanakkale-Alexandria Troas und zurück, 402 km Bergama-Ephesos und zurück, 22 km Pamukkale-Laodiceia und zurück, 20 km Gündoğdu-Side und zurück, 126 km Nikosia-Famagusta und zurück]; 197 km Taxi, [17 km bis zur Türkischen Grenze, 32 km Antalya-Perge und zurück, 50 km Gündoğdu-Aspendos und zurück, 20km Famagusta-Salamis und zurück, 78 km um den See Genezareth ]; 449 km Leihwagen [359 km Antalya-Myra und zurück, 90 km Antalya-Termessos/Karainhöhle und zurück]); 384 km Flugzeug [384 km Larnaka-Tel Aviv].

Für meine mobilen Follower hier nochmal der Link:
https://drive.google.com/open?id=1pJqhc0HCDRR65o_laxxoD1cYMRYUSTKT&usp=sharing

Tag 275, Mo: Kana – Tiberias, 29 km

Ich habe gut geschlafen und starte um 08:45 Uhr. Ich besichtige noch schnell die Hochzeitskirche, nach der Bibel der erste Ort, an dem Jesus ein Wunder vollbracht hat. Während einer Hochzeitsfeier wurde die feiernde Gesellschaft betrübt, weil kein Wein mehr vorhanden war. Jesus, in Anwesenheit seiner Mutter und der Jünger, vollbrachte daraufhin sein erstes Wunder, und verwandelte Wasser in Wein.
Dann mache ich mich auf meine heutige Etappe. Nach 15 Minuten und knapp 1 km die mich der Weg innerhalb Kana’s steil nach oben führt, bin ich auf dem Berg im arabisch-muslimischen Teil von Kana. Heute ist wieder strahlend blauer Himmel, aber es ist stellenweise recht windig. Ich laufe auf gut zu fahrenden Feld- und Waldwegen bergauf und bergab, mit gemäßigten Steigungen.
Um 09:45 Uhr, treffe ich auf eine Herde von Ziegen und Schafen, die von einer Araberin gehütet wird. Als sie mich sieht, zieht sie ihr Kopftuch ganz hoch ins Gesicht, dass vom Gesicht nichts mehr zu sehen ist.
Es ist schön zu laufen. Ich erfreue mich an blühenden Blumen und mache wieder jede Menge Foto- und Videoaufnahmen. Dann führt der Weg steil bergab, mir kommt ein Rennradler entgegen. Es ist glaube ich der erste Rennradler, den ich hier in Israel sehe. Schließlich komme ich an einem militärischen Sperrgebiet vorbei und mein Weg führt entlang der Felder. Ich entschließe mich, den breiteren Weg zu verlassen, weil ich glaube, einen Weg durch das Feld zu erkennen, der die Strecke bis zur Straße, die ich überqueren muss, verkürzt. Es soll sich als Irrtum erweisen und ich laufe bald querfeldein durch ein Feld. Nur gut, dass der Boden in den letzten Tagen doch etwas abgetrocknet ist, sonst wäre ich mit dem Monowalker gnadenlos stecken geblieben. Zum Glück ist am Feldrand, den ich nach mühevollem Laufen dann doch irgendwann erreiche kein Zaun, sodass ich wieder auf den ausgeschilderten Jesus-Trail zurückkehren kann, ohne umkehren und außen herum laufen zu müssen.
Dann geht der Jesus-Trail an der Straße eine solch steile Böschung hinunter und auf der anderen Seite des Straßengrabens hinter der Leitplanke weiter, sodass ich da unmöglich mit dem Monowalker entlang komme.
Ich denke mir nur „nicht schon wieder“. Sind mir doch die Aktionen auf der Strecke Tel Aviv – Netanya noch ganz frisch in Erinnerung.
Es hilft nichts, ich muss einen anderen Weg finden, wie ich das Verkehrskreuz der Straßen 65 und 76 überwinden kann. Auf jeden Fall kann ich nicht einfach über die Straßen drüber, da Leitplanken zwischen den einzelnen Spuren sind und außerdem starker Verkehr herrscht. Ich finde einen Tunnel, der unter der einen Straße hindurch führt, das ist schon mal die Hälfte der Lösung.
Eine weitere Unterführung, die ich gerne gelaufen wäre, ist noch so voll Regenwasser, dass ich da nicht so ohne weiteres durchkommen würde. Auch dafür habe ich vom letzten Freitag, als ich auf meinem Weg nach Nazareth „baden gegangen bin“, noch ganz frische Erinnerungen.
Ich mache einen großen Bogen und komme zu einem Weg, der parallel zu der zweiten Straße führt, die ich auch noch überwinden muss, um schließlich weiter in Richtung Tiberias zu kommen.
Irgendwann geht es da auch nicht mehr weiter. Ich stehe im Straßengraben und wuchte meinen Monowalker mit aller Anstrengung die Böschung zur Straße hoch. Jetzt stehe ich schon mal in der richtigen Richtung, allerdings hinter der Leitplanke. Ich mache die Seitentaschen ab und kann den Monowalker in totaler Schräglage gerade so unter der Leitplanke hindurch schieben.
Ich bin auf einer kleinen Parallelstraße zur Straße 77 und nach etwa zwei Kilometern führt die Straße auch unter der Straße 77 auf die andere Seite. Das ganze Unterfangen hat mich bestimmt anderthalb Stunden und eine ganze Menge Kraft gekostet, aber ich bin jetzt wieder auf dem richtigen Weg.
Hinter dem Kibbuz Lavi verlässt der ausgeschilderte Jesus-Trail die befestigte Straße und führt für die nächsten etwa 5 km als Trampelpfad durch bewirtschaftete Felder und Weiden, teilweise auch durch sehr steinige Flächen.
Zu allem Überfluss haben die Bauern, als der Boden aufgeweicht war, ihre Kühe auf die Felder getrieben, sodass der Weg völlig „zerlatscht“ ist und schon Solo nur sehr schwer zu laufen ist, ohne zu stolpern oder in den Kuhtrittlöchern umzuknicken, geschweige denn mit dem Monowalker hinten dran. Es ist sehr kräftezehrend und ich komme nur sehr langsam voran, immer suchend, wo kann ich denn vielleicht einigermaßen fahren. Zum Glück knicke ich nicht um oder verletze mich.
Dann ist der Weg durch das Weidegebiet zu Ende und eine schmale Schleuse erlaubt das verlassen des Weidegebietes. Da passt der Monowalker aber nicht durch!
Glücklicherweise ist nebenan für Fahrzeuge der Stacheldrahtzaun so zusammengezurrt, dass man ihn aufknüpfen und durchfahren kann. Ich bin sehr erleichtert, wieder in Freiheit zu sein.
Um 13:40 Uhr sehe ich nach 16 zum Teil mühevoll zurückgelegten Kilometern das erste Mal den See Genezareth. Allerdings ist mein geplantes Ziel, Tabgha, noch über 20 km entfernt.
Ich entschließe mich, mein Ziel zu ändern und statt nach Tabgha in das nur noch 13 km entfernte Tiberias zur Übernachtung zu fahren.
Um 14:30 Uhr, nach 18 km, komme ich an die Hörner von Hittin, zwei Hügel vulkanischen Ursprungs.
Bekannt sind die Hörner von Hittim vor allem wegen einer entscheidenden Schlacht der Kreuzfahrerzeit: Nach der Schlacht bei Hittin verloren die Kreuzfahrer 1187 weite Teile des Königreiches Jerusalem und damit auch Jerusalem selbst.
Ich laufe weiter und sehe bald Tiberias vor mir liegen. Unterwegs buche ich über Booking.com mein Quartier für die nächsten zwei Nächte, diesmal wieder in einem Mehrbettzimmer im Hotel Aviv, das auch einen Hostel-Bereich hat.
Nach 22 km komme ich wieder an die Straße 77 und laufe sie diesmal, entgegen der Fahrtrichtung, auf dem breiten Randstreifen die nächsten 7 km entlang und bergab nach Tiberias hinein.
Um 17:30 Uhr erreiche ich mein heutiges Ziel und Quartier für die nächsten zwei Nächte, das Hotel Aviv.
Ich habe Glück und bin der einzige Gast in dem Mehrbettzimmer. Ich gehe noch schnell etwas zu essen und zu trinken für das heutige Abendbrot und morgige Frühstück einkaufen, dann telefoniere ich noch mit Iris und Bernd und gehe beizeiten ins Bett.

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Tag 276, Di: Taxifahrt um den See Genezareth, 78 km

Ich habe Glück und bleibe der einzige Übernachtungsgast im Hostel.
Um 07:00 Uhr stehe ich auf und frühstücke spartanisch mit den gestern eingekauften Dingen, denn 10€ für ein Hotel-Frühstück sind mir doch zu heftig.
Ich packe meine Sachen ein bisschen zusammen und mache mich so gegen 09:00 Uhr auf den Weg Tiberias zu erkunden. Das Wetter ist wunderschön. Ich schlendere an der Strandpromenade entlang, mache Fotos vom See Genezareth, dessen Wasserstand 5m unter normal ist, von den gegenüberliegenden Golanhöhen und von Gebäuden hier an der Promenade. Dann muss ich zurück auf die Straße.
Plötzlich hält ein Taxi neben mir und will mir eine Seerundfahrt für 600 Schekel anbieten. Ich bin nicht grundsätzlich abgeneigt, da es nur Touristenbusse gibt, die hier für organisierte Reisen um den See fahren und ich nicht weiter in Richtung Tabgha und Kapharnaum laufen will. Wir einigen uns schließlich auf 400 Schekel (~100€), für gut 3 Stunden Individualtour. Ein fairer Preis, wie ich finde.
Wir fahren zum Berg der Seligpreisung, wo Jesus der Überlieferung nach die Bergpredigt gehalten hat. Dann geht es weiter nach Tabgha zur Brotvermehrungskirche, zur Synagoge nach Kafarnaum, wo Jesus gepredigt hat und von wo mehrere seiner Jünger stammen, machen einen Abstecher zu den antiken Ruinen von Bethsaida. Hier in der Nähe soll Jesus einen blinden geheilt haben. In den Ruinen ist noch ein Teil des Gebietes vermint und ich sehe noch Reste der Syrischen Armeestellungen aus dem 6-Tage-Krieg. Mein Taxifahrer möchte mir zu gerne die verlassenen Bunkeranlagen im Golan zeigen, die vom sieghaften Kampf der Israelis zeugen und ist ganz enttäuscht, dass ich daran kein Interesse habe. Wir fahren weiter in den Kibbuz Ein Gev und machen dort im von Touristen rege besuchten Fischrestaurant Mittagspause. Dann machen wir einen kurzen Abstecher an den Jordan und fahren schließlich wieder zurück nach Tiberias. Inzwischen ist auch meine zum Waschen in den Waschsalon gegebene Wäsche an der Hotelrezeption abgegeben. Leider fehlt mein ‚Schoeffel‘-Merino T-Shirt. Dafür habe ich einen Babysocken hinzugewonnen. Da der Waschsalon schon geschlossen hat, werde ich es morgenfrüh gleich versuchen, vielleicht habe ich ja Glück und bekomme mein T-Shirt wieder.
Dann bummele ich noch ein bisschen durch Tiberias, esse in einem Kosher-Restaurant koshere Falafel und packe abends meine Sachen für die morgige Weiterfahrt zusammen.

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Tag 277, Mi: Tiberias – Afula, 44 km

Ich starte um 08:15 Uhr vom Aviv Hotel und gehe als erstes in die Reinigung, in der Hoffnung, vielleicht doch mein ‚Schoeffel‘ – T-Shirt wieder zu bekommen. Ich habe Glück, in einem anderen Paket, das zur Auslieferung bereit liegt, hat die gute Frau mein T-Shirt gefunden. Ich bin sehr erfreut!
In der nebenan gelegenen Einkaufspassage trinke ich noch schnell einen Kaffee und starte meine heutige Etappe schließlich um 08:30 Uhr.
Es geht von Tiberias erstmal ziemlich steil bergauf, bis ich schließlich nach 5,5 km, um 09:45 Uhr, auf der Höhe bin und kann jetzt weitestgehend eben laufen.
Um 11:00 Uhr, nach 13 km, verlasse ich die Straße 77 in Richtung Givat Avni. Der Wind hat unangenehm aufgefrischt und bläst mir jetzt seitlich entgegen. Ich laufe auf guten Feldwegen und komme an Rinderoffenställen vorbei.
Um 12:45 Uhr, nach 20,5 km komme ich auf die Straße 65. Vor mir liegen bis Afula noch etwa 22 km.
Ich mache erstmal eine kurze Essenspause. Dann laufe ich ein kurzes Stück auf der Straße 65, um nach etwa 2 km rechts in einen Naturpark abzubiegen und auf schönen Wald- und Feldwegen weiter zu fahren.
Um 14:45 Uhr, nach 27 km, verlasse ich den Naturpark und komme nach Daburia. Vor mir liegen noch 15 km bis Afula.
Von Daburia laufe ich bis nach Afula entlang der Straße. Das Wetter hat sich zugezogen und als ich in Afula ankomme, fängt es zu regnen an.
Die Pension, die ich mir in Booking.com herausgesucht habe, gibt es unter dieser Adresse gar nicht. Ich frage Leute, die dort wohnen. Ich bin an der richtigen Adresse. Das ist jetzt ziemlich blöd! Zum einen ist es dunkel und es regnet und zum anderen ist das die einzige Unterkunft, die mir in Afula angeboten wurde. Allerdings scheint mir Afula ein größerer Ort zu sein, sodass ich die Hoffnung habe, doch noch ein Hotel zu finden. Ich steuere die nächste Tankstelle an, da mir auch Google kein Hotel anbieten kann.
Der Tankwart kennt zwar kein Hotel, aber ein Kunde zeigt mir das Hotel Carmel, das im gegenüberliegenden Park, keine 150 m von der Tankstelle entfernt steht. Ich bin schließlich um 18:30 Uhr, nach 44 km, an meinem heutigen Ziel.
Der Hotelbesitzer, ein älterer Herr hilft mir, den Monowalker mit auf mein Zimmer zu nehmen. Dann gehe ich noch eine Kleinigkeit, in einer Falafelbude essen und werde auf Deutsch gefragt, was ich essen möchte. Ich bin überrascht und frage, woher der Besitzer Deutsch könne. Es war aber kein Deutsch, sondern Jiddisch, das einen großen deutschen Wortanteil hat. Ich freue mich, dass die Sprache doch offensichtlich noch nicht ausgestorben ist. Wir unterhalten uns dann aber in Englisch weiter. Anschließend gehe ich zurück ins Hotel und gleich in mein Bett, die 44 km stecken mir doch ganz schön in den Knochen.

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Tag 278, Do: Afula – Zelten an einer Tankstelle bei Baqa al Gharbiyya, 39 km

Ich habe die Nacht gut geschlafen und werde um 06:00 Uhr wach. Draußen regnet es in Strömen. Ich stehe kurz vor 07:00 Uhr auf und mache wieder mein spartanisches Frühstück im Hotelzimmer.
Dann lasse ich mir vom Hotelbesitzer, es ist ein freundlicher älterer Mann, so um die 70 einen Kaffee machen, bitte ihn um einen Stempel für meinen Pilgerpass und frage ihn nach einem Ort in 30-35 km Entfernung, wo es ein Hotel gibt. Er sagt mir, dass es zwar im etwa 10 km entfernt gelegenen Kibbuz Megiddo Zimmer gibt, aber ansonsten sieht es mit Hotels in dem von mir angegebenen Radius sehr schlecht aus. Außerdem meint er, dass es heute regnen würde, es also keine gute Idee wäre weiter zu laufen. Ich sollte doch besser noch eine Nacht bleiben oder am besten mit dem Bus nach Jerusalem fahren.
Beides für mich keine Optionen, aber meine Stimmung ist im Keller. Der Himmel ist, als ich schließlich um 08:45 Uhr loslaufe stark bewölkt und es sieht aus, als dass es jeden Augenblick wieder mit regnen beginnt. Durch den starken Regen der vergangenen Nacht habe ich auch keine Chancen irgendwelche Wege zu laufen und bin gut beraten, entlang der Straße 65 zu laufen. Allerdings ist diese Straße sehr stark befahren und der Lärmpegel entsprechend hoch. Ich laufe ziemlich gefrustet vor mich hin. Wenigstens regnet es nicht.
Um 12:00 Uhr komme ich nach Musmus und direkt an der Straße ist eine Pizzeria. Ich überlege kurz und will hineingehen und Mittagspause machen, aber sie ist zu und Handwerker sind am Schaffen. Direkt daneben ist aber ein kleiner Laden mit einer Essenstheke, wo belegte Brote udgl. gemacht werden. Ich lasse mir ein Brötchen mit Humus, diversen Rohkostsalaten und einer Art Bockwurst machen. Das Ganze schmeckt auch ganz lecker.
Dann kommt noch ein anderer Mann in den Laden. Wir kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihm, dass ich von Deutschland bis hierher gelaufen bin und dass ich für heute Nacht ein Hotel suche. Er sagt mir, dass es hier mit Hotels schlecht aussieht, vergewissert sich aber nochmal bei Google und meint, das nächste Hotel wäre in Caesarea, etwa 25 km entfernt. Die Entfernung wäre für mich nicht das Problem, sehr wohl aber, dass Caesarea so gar nicht auf meinem Weg liegt und ich morgen erstmal wieder 10 km zurück laufen müsste, bis ich wieder auf meiner Route bin.
Ich sage zu ihm, dass höchstens Zelten noch eine Alternative für mich wäre. Da meint er, warum nicht und wir schauen uns auf der Karte an, wo ich möglicherweise zelten könnte. Ich werde später zwar noch weiter laufen, als bis zu dem vorgeschlagenen Platz, aber der Gedanke ist damit manifestiert und es geht mir schlagartig besser, denn der Druck ein Quartier für die Nacht finden zu müssen, ist von mir abgefallen. Wir setzen uns noch kurz vor den Laden und auch der Besitzer und sein Helfer setzen sich zu uns. Sie fragen mich, ob ich einen Kaffee möchte und als ich später bezahlen will, erklären sie mir, dass ich ihr Gast sei. Ich freue mich und mache das obligatorische Foto. Dann verabschiede ich mich und ziehe deutlich besser gelaunt meines Weges. Das Wetter hat aufgeklart und es sind Stellen blauen Himmels erkennbar. Auch macht mir der Straßenlärm nicht mehr so viel aus und ich fotografiere jetzt auch das eine oder andere. Dann komme ich an eine Tankstelle, trinke einen Cappuccino, esse ein Schokocroissant und kaufe einiges zu essen für heute Abend und morgen früh ein, aber vor allem eine frische Flasche Wasser. Es ist so gegen 15:00 Uhr, also noch etwa anderthalb Stunden Zeit, um noch ein paar Kilometer zurück zu legen. Heute werde ich auch von einer ganzen Menge Autofahrer anerkennend gegrüßt. Einige nur mit einem kurzen Hupen, andere mit einem freundlichen Winken und einige andere mit einem anerkennend gehobenen Daumen. Die Straße 65 führt in westliche Richtung. Ich muss aber so allmählich nach Süden drehen. Die Autobahn 6, die von Nord nach Süd verläuft, will und darf ich nicht laufen, aber ich biege zwei Kilometer hinter der Autobahn von der Straße 65 nach links ab und laufe weitestgehend parallel zu A6 in Richtung Süden. Es ist kurz nach 16:00 Uhr und wird so allmählich Zeit, mir einen geeigneten Platz zum Zelten zu suchen.
Nach einer Weile ist auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Tankstelle. Ich fahre hin und frage, ob ich hinter der Tankstelle mein Zelt aufbauen dürfte. Die beiden Tankstellenangestellten können sich zu keiner Entscheidung durchringen und versuchen ihren Manager anzurufen, den sie aber nicht erreichen. Schließlich ringt sich der Ältere dann doch durch, mir das ‚Go‘ zu geben.
Ich baue mein Zelt etwas versteckt neben einem Papiercontainer auf und hoffe, dass ich heute Nacht unbehelligt bleibe. Dann telefoniere ich mit Iris und Bernd, schreibe meinen Tagebucheintrag und lege mich beizeiten schlafen.

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Tag 279, Fr: Tankstelle bei Baqa al Gharbiyya – Zelten an einer Tankstelle bei Kochav Yair, 30 km

Ich habe gut geschlafen, es war sehr ruhig, nur so gegen 05:00 Uhr werde ich wach, weil mir kühl wird. Ich rolle mich zusammen und schlafe nochmal ein. Ich habe ja eh meine Daunenjacke an und meine Wollmütze auf dem Kopf, sodass ich im Schlafsack gut gegen die Kälte geschützt bin. Ich stehe um 06:30 Uhr auf und erlebe einen schönen Sonnenaufgang. Leider ist mein Außenzelt vom Tau nass, sodass ich es nass einpacken muss.
Ich trinke noch einen Kaffee an der Tankstelle und starte schließlich um 08:00 Uhr in einen sonnigen Morgen.
Heute laufe ich das erste Mal, ich glaube seit Griechenland, wieder in kurzer Hose und kurzärmlig.
Ich laufe die schmale Straße entlang, mache das eine oder andere Mal Fotos und biege nach gut 8 km schließlich auf einen Feldweg ab.
Ich sehe am Anfang große Pfützen und denke mir nur, na hoffentlich geht das gut und du bleibst nicht stecken. Das hatte ich ja schon mal in Italien, an meinem 106. Pilgertag. Wie lange das schon wieder her ist!
Anfangs geht es noch ganz gut, doch nach 2 km ist definitiv Schluss. Nichts geht mehr! Der Schlamm hat sich zwischen den Gepäckträger und das Rad des Monowalkers gesetzt, sodass sich das Rad kaum noch dreht und der Weg sieht auch nicht so aus, als dass er besser werden würde, zumal Quads und Cross-Motorräder ihren Teil dazu beitragen, dass der Weg ist, wie er ist.
Ich muss den Rückzug antreten, fahre immer wieder durch Pfützen, um den Schlamm weich zu halten und erreiche schließlich mit einiger Mühe die ‚rettende‘ Straße. Hier mache ich erstmal den gröbsten Schlamm aus dem Radkasten und setze dann meinen Weg fort.
Dadurch, dass ich keine Feldwege fahren kann, sondern ausschließlich auf der Straße fahre, verlängert sich meine Strecke bis nach Jerusalem doch ganz erheblich. Ich denke mal, dass ich alles in allem auf einen halben, bis ganzen Tag mehr kommen werde. Nachdem ich weitere 3 km auf der Straße gelaufen bin, komme ich an einer Feuerwache vorbei. 3 Feuerwehrmänner sitzen im Freien auf einer Bank und trinken Kaffee. Ich grüße sie und sie fragen mich, ob ich irgendetwas brauchen würde. Ich sage, dass ein Kaffee nicht schlecht wäre. Da öffnet mir einer der Feuerwehrleute das Gate und ich rolle mit meinem Monowalker auf das Gelände der Feuerwache.
Bei Feuerwehrleuten war ich bisher auch noch nicht. Wir kommen ins Gespräch. Einer von ihnen war schon mal für 30 Tage auf Urlaub im Schwarzwald und kennt Stuttgart und den Titisee.
Sie haben eine sehr hohe Meinung von uns Deutschen, ist mir auch bei anderer Gelegenheit hier in Israel aufgefallen.
Ganz besonders geschätzt sind die hochwertigen und zuverlässigen deutschen Autos. Zum Schluss spritzt mir einer der Feuerwehrleute noch mit einem Druckschlauch den Schlamm von meinem Monowalker und gibt mir eine handvoll Orangen, die hier im Garten wachsen mit auf den Weg.
Wir machen noch das obligatorische Foto und dann setze ich meinen Weg fort.
Heute ist Freitag und ich muss bis spätestens 17:00 Uhr ein Quartier haben oder ich bekomme ein Problem.
Die Straße führt durch den Kibbuz Sha’ar Efrayim und ich muss ein großes Rolltor passieren, gleich der Einfahrt in ein Betriebsgelände. Der Kibbuz ist ringsum eingezäunt. Im Kibbuz ist eine Straßensperre von der Polizei eingerichtet, an der ich nach dem woher und wohin befragt werde. Der Polizist heißt Gilad und als ich ihm sage, dass ich in etwa 10-15 km ein Quartier bräuchte, sagt er mir, dass das hier im Osten, so nahe an der Grenze zum Westjordanland eher schlecht aussieht. Vorsichtshalber erkundigt er sich nochmal bei einem Freund, der ihm aber die gleiche Auskunft gibt. Die Polizistin, die mit ihm hier die Straßenkontrolle durchführt, bietet mir an, sich für mich zu erkundigen, ob es ein Zimmer hier im Kibbuz gibt. Das finde ich zwar sehr lieb von ihr, aber zum einen will ich noch ein Stück laufen und zum anderen bin ich dann möglicherweise morgen, am Sabbat, hier ‚gefangen‘, wenn die Tore geschlossen bleiben.
Zur Sicherheit gibt mir Gilad noch seine Handynummer, falls ich unerwartet Hilfe bräuchte. Das finde ich sehr nett.
Kurze Zeit später bin ich aus dem Kibbuz heraus und passiere mehrere arabische Ortschaften. In einer gehe ich in den Supermarkt und decke mich mit Essen und Trinken für heute Abend und morgen ein. Dann laufe ich weiter und komme schließlich so gegen 16:00 Uhr an einer ‚Yellow‘ Tankstelle, unweit von Kochav Yair vorbei.
Ich finde es eine gute Gelegenheit, hier zu fragen, ob ich mein Zelt in einer Ecke aufbauen kann, nachdem ich gestern mit der Tankstelle gute Erfahrungen gemacht habe. Der Tankwart sieht kein Problem und sagt mir, dass ich mir einen Platz suchen solle. Gegen 18:00 Uhr ist alles gerichtet, ich habe gegessen und lege mich schlafen. Was soll ich auch sonst machen?
Um 20:00 Uhr werde ich von ziemlichem Radau geweckt. Unmittelbar vor meinem Zelt steht eine ganze Gruppe arabischer junger Männer, die sich lautstark unterhalten. Im Zelt hat man eh das Gefühl, das Geschehen spielt sich unmittelbar neben seinem Zelt ab. Aber es kommt noch heftiger. Es kommen noch mehr junge Männer mit ihren Autos und veranstalten wilde Anfahr- und Bremsmanöver. Ich habe schon ein bisschen Bedenken, dass mir plötzlich eines der Autos im Zelt steht. Der ganze Spuk geht so bis gegen 03:00 Uhr, dann haben sich auch die letzten verzogen und lassen mit ihrem Bass Booster an anderer Stelle die Umgebung erbeben. Ich kann jetzt endlich schlafen.

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Tag 280, Sa: Tankstelle bei Kochav Yair – Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv, 38 km

Im Gegensatz zur ruhigen Tankstelle, war die Tankstelle der letzten Nacht offensichtlich der zentrale Anlaufpunkt für die jungen arabischen Männer der Umgebung. Trotzdem habe ich die Zeit, die ich geschlafen habe, gut geschlafen und werde um 06:30 Uhr wach. Es gießt wieder in Strömen, nachdem heute Nacht schon immer wieder Gewitterschauer mit Blitz und Donner herunter gekommen sind.
Mein Zelt hat alles tapfer und dicht überstanden. Allerdings muss ich mein Zelt im nassen Zustand zusammenpacken. Trotzdem bin ich schon nach anderthalb Stunden, um 08:00 Uhr abmarschbereit. Ich bin selber erstaunt, dass das alles so zügig funktioniert hat.
Ich starte in einen Morgen, der einen verregneten Tag erwarten lässt und starte bereits in Regenkleidung. Ich laufe entlang der Straßen, denn die Feldwege waren gestern schon aufgeweicht und sind es heute, nach dem nächtlichen Regen noch viel mehr. Wenn es nicht regnet, ist es angenehm warm, sodass ich auch heute wieder kurze Sachen unter meiner Regenkleidung anhabe und meine Regensachen auch zwischendrin immer wieder ausziehe, um sie dann wenig später doch wieder anziehen zu müssen.
Es gibt entlang des Weges nicht so viel zu berichten. Kurz vor Petah Tiqua sehe ich das erste mal auf einem Verkehrshinweisschild Jerusalem angezeigt.
In Petah Tiqua, wo ich mich zu orientieren versuche, hält plötzlich ein Auto neben mir und eine Frau in sportlichem Outfit fragt mich, ob ich Hilfe bräuchte. Ich sage ihr, dass ich in etwa 15-20 km Entfernung ein Quartier für diese Nacht suchen würde und dass ich zu Fuß von Deutschland bis hierher unterwegs sei.
Das hat die Frau, die Sigal heißt sehr beeindruckt. Sie verspricht mir, sich für mich zu erkundigen und sich wieder bei mir zu melden. Dazu tauschen wir unsere Handynummern aus, um über WhatsApp miteinander in Kontakt zu treten.
Einige Zeit später erhalte ich auch tatsächlich eine WhatsApp von Sigal, mit einem Quartiervorschlag in etwa 30 km Entfernung. Das wären dann über 50 km für heute. Das ist mir dann doch zu viel. Ich lehne dankend ab und da der Flughafen Ben Gurion auf meinem Weg liegt, entschließe ich mich, die Nacht hier zu verbringen. Hier kann ich auch mein nasses Zelt zum Trocknen über die Lehnen der Sitzbänke zum Trocknen ausbreiten.
Ich telefoniere noch mit Bernd und wir diskutieren meine Strecke für morgen. Er hat sich die Strecke in Komoot angesehen und rät mir dringend, die noch verbleibenden gut 50 km in zwei Etappen zu laufen. Ich nehme nochmal mit Sigal Kontakt auf, ob das Quartier auch morgen zur Verfügung stehen würde und bekomme die Kontaktdaten von Yael. Sie ist ein „Angel of the Israel Trail“. Ich trete mit Yael in Kontakt und bekomme die Antwort, dass sie sich auf meinen Besuch morgen freut.

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Tag 281, So: Ben Gurion Airport Tel Aviv – Kibbuz Sha’Alvim, 27 km

Wenn ich die Nacht insgesamt 3 Stunden geschlafen habe, dann ist das wahnsinnig viel. Zusammenhängend habe ich bestimmt nicht mehr als 15-20 Minuten geschlafen. Ich werde mehrmals von Security-Mitarbeiterinnen kontrolliert und muss meinen Pass vorzeigen.
Um nicht rausgeschmissen zu werden und dann die Nacht im Freien verbringen zu müssen, erzähle ich die Geschichte, dass ich 05:20 Uhr nach Frankfurt fliege.
Das stimmt prinzipiell ja auch, nur der Termin ist 13 Tage später. Ich fahre also extra von dem näher gelegenen Terminal 1 zum Terminal 3, von wo die Maschine geht.
Was ich allerdings nicht bedacht hatte ist, wenn die Maschine um 05:20 Uhr geht, ich dann ja spätestens 04:30 Uhr zum Gate gehen müsste, da ist es aber noch tiefste Nacht und es sieht komisch aus, wenn ich, bis es hell wird, noch in der Abfertigungshalle sitze, obwohl meine Maschine schon vor einer Stunde geflogen ist.
Und mit so einem Monowalker-Gefährt da fällt man eben schon ein bisschen auf. Ich habe die Idee, gegen 04:00 Uhr zu Terminal 1 zu gehen, in der Hoffnung, dass dort andere Security-Mitarbeiter sind. Das ist leider ein Trugschluss und prompt werde ich angesprochen, wieso ich jetzt in Terminal 1 aufkreuzen würde und nicht am Gate wäre.
Jetzt muss ich „die Hosen runter lassen“ und ich bekenne Farbe, dass ich kein Quartier für diese Nacht habe und deswegen auf dem Flughafen übernachten wollte.
Die Beamtin nimmt es mit erstaunlicher Gelassenheit hin und ich kann bleiben, bis es hell wird.
Um 06:30 Uhr kommt dann eine andere Sicherheitsmitarbeiterin und sagt mir, dass es jetzt hell genug draußen sei und ich gehen solle.
Auf jeden Fall konnte ich mein Zelt trocknen. In keinem Hotelzimmer hätte ich so viel Platz gehabt und ich brauchte die Nacht nicht im Freien zu verbringen. Aber es bewahrheitete sich hier der Spruch „Lügen haben kurze Beine“ in ungeahnter Deutlichkeit!
Ich frühstücke noch schnell an der Tankstelle am Flughafen ein Schokocroissant und einen Cappuccino. Dann laufe ich los.
Für heute ist wieder Regen angesagt und um 08:00 Uhr fängt es an, wie aus Kübeln zu gießen. Wie gut, dass ich nur noch etwa 21 km vor mir habe. Heute bekomme ich einen ersten Vorgeschmack auf die Steigungen, die mir morgen bevorstehen und ich merke, dass ich die letzten Nächte, insbesondere die letzte Nacht zu wenig geschlafen habe.
Es fällt mir heute unsagbar schwer und ich habe das Gefühl, mir hat einer noch Extragewichte an den Monowalker gehängt. Er lässt sich so schwer ziehen. Und ich bin richtig froh, dass ich morgen in Jerusalem ankomme und damit die Quälerei dieser Pilgerreise ein Ende hat.
Es ist also gerade nicht das Gefühl der Freude und des Stolzes, glücklich, gesund und erfolgreich an meinem Pilgerziel Jerusalem angekommen zu sein, sondern eher das Gefühl der Befreiung von den selbst auferlegten Strapazen.
Ich hoffe aber, nein bin mir sicher, dass sich das Glücksgefühl morgen einstellen wird, wenn ich nach 4 Tagen endlich mal wieder geduscht habe und die Nacht ausreichend geschlafen habe.
Ich laufe auf der starkbefahrenen Fernstraße 443 durch eine schöne, waldreiche und hügelige Gegend, muss die moderne Stadt Modi’in durchqueren und komme schließlich um 13:00 Uhr im Kibbuz Sha’Alvim an.
Ich hatte mit Yael vereinbart, dass ich ihren Sohn Shalom anrufe, wenn ich da bin, dass er mich in Empfang nehmen kann.
Wir brauchen einen kleinen Augenblick, bis mich Shalom gefunden hat und mir den Weg zu sich und seiner Familie zeigen kann.
Es ist ein netter junger Mann, so Anfang/Mitte Dreißig. Er zeigt mir mein Quartier für diese Nacht. Es vermittelt mir eher den Eindruck eines Gerümpelkellers, in dem eine Küche steht, als eine Gästewohnung.
Aber es ist allemal besser, als im Zelt zu schlafen und kostet mich keinen Schekel. Schade ist nur, dass sich der Raum nicht heizen lässt und dass die Dusche kein warmes Wasser hervorbringt.
Das wäre nach 4 Tagen duschfreier Zeit ein echtes Highlight gewesen. Aber so eine Pilgerreise macht auch genügsam.
Ich gehe dann erstmal in den Lebensmittelladen und kaufe mir eine Packung Nudeln, Thunfisch im 4er-Pack und Tomatensoße und mache mir was Warmes. Auch ohne zusätzliche Gewürze schmeckt es einfach voll lecker und ich esse es fast vollständig auf. Dann wasche ich mich und rasiere meinen 4-Tagebart mit kaltem Wasser und ohne Rasierseife. Die Männer unter euch können das Brennen der Gesichtshaut vielleicht nachvollziehen. Ein schönes Gefühl, wenn der Hautreiz nachlässt!
Dann telefoniere ich mit Iris und Bernd und plane meine Route für morgen. Dabei ist es 18:30 Uhr geworden. Draußen ist es dunkel und ich merke, dass mir die Müdigkeit die Augen ziemlich zudrückt. Noch das Handy und die Powerbank an den Strom gehängt, dass sie morgen wieder voll geladen sind. Da wird mir wieder einmal bewusst, wie sehr wir doch von der funktionierenden Technik abhängig sind.
Ich habe zwar für den Notfall auch eine Papierkarte dabei, aber damit zu arbeiten wäre schon mühsam. Vor 10-15 Jahren war das noch die einzige Möglichkeit.
Es hat wieder in Strömen angefangen zu regnen. Ich hatte gestern auf dem Schild gesehen, dass es bis Jerusalem noch 30 km sind, also kein Problem es morgen zu schaffen und entsprechend bin ich auch eingestellt, als ich eben nochmal schnell meine Strecke für morgen planen will, bevor ich endlich schlafen gehe.
Wie frustriert bin ich, als mir mein Navi, nachdem ich ihm „Autobahnen vermeiden“ gesagt habe, plötzlich 56 km anzeigt.
Ich gehe aus meinem Keller nochmal hoch zu Shalom und er bestätigt mir, dass das korrekt ist und dass ich auf keinen Fall an der Autobahn entlang laufen kann. Zum einen wäre der Randstreifen sehr schmal und zum anderen würde mich die Polizei von der Autobahn holen.
Auch Abkürzungen über Feld- oder Waldwege sind bei diesem Wetter keine Optionen, das habe ich ja bereits diese Woche wieder einmal erlebt. Jetzt umso mehr, da es in Strömen regnet und die ganze Nacht durchregnen soll.
Ich bin so etwas von frustriert, verstärkt auch noch durch mein Schlafdefizit, dass ich allen Ernstes überlege, morgen mit dem Bus nach Jerusalem zu fahren und sogar Shalom und seine Frau frage, wo in der Nähe eine Haltestelle für den Bus nach Jerusalem ist.
Ich bin dem Heulen näher, als dem Lachen, so groß ist mein Frust und meine Enttäuschung, morgen nicht bloß 30 km zu haben sondern 56 km, die zum Teil noch steil bergauf gehen! An einem Tag nicht zu schaffen!
Ich telefoniere anschließend noch mit Bernd, der mir in Komoot eine Strecke plant, die etwa 5-6 km kürzer ist, aber auf befestigten Wegen durch den Ayalon Nationalpark gehen soll, aber ansonsten mit meiner Strecke ziemlich identisch ist. Dann ziehe ich meine dickere Hose und meine Daunenjacke an und krieche so gegen 21:00 Uhr in meinen Schlafsack.

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2 Kommentare zu „Tag 275-281 auf meiner Pilgerreise – KW06 (04.-10.02.19)

  1. Tolle Fotos, besonders die von den wunderschönen Pflanzen ☀️😀🍀🥀🌾

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